Allgemein

An alle gewidmet, die noch wach im Bett liegen

Schreibe einen Kommentar

Ein Interview mit Riikka Laakso über »Das Museum des Kummers«

Riikka, du hast gerade das Heft »Das Museum des Kummers« illustriert und geschrieben. In dem geht es um die Gedanken, die nachts plötzlich auftauchen und einem wach halten. Die Idee für das Projekt kam ja, als du eines abends nicht einschlafen konntest. Also manchmal kann die Schlaflosigkeit auch etwas Gutes mit sich bringen? Es ist schwer Schlaflosigkeit schönzureden. Häufig bringt sie ja nur Ärgernis, schlechte Laune und Müdigkeit für den nächsten Tag. In dieser Nacht hatte ich jedoch Glück (oder war es Selbstschutz?) und ich konnte mich etwas von meinen Ängsten und Sorgen befreien. Das war eine große Erleichterung. Vielleicht habe ich das Unglück innerlich gewendet. Ich weiß nicht, was es genau war. Ich denke, dass man generell aus Krisensituationen schöpfen kann oder auch sollte, um diese besser zu überstehen und zu verarbeiten. Manchmal wächst man so ganz unerwartet aus sich hinaus. Das Schlechte kann sich also in der Tat manchmal auch zum Guten wenden. Auf jeden Fall war ich nach dieser Nacht glücklicher und wacher als nach sehr vielen ausgeschlafenen Nächten.
Hast du Rituale, die das Einschlafen erleichtern? Oft bin ich sehr müde und brauche keine Rituale um einzuschlafen. Aber es gibt diese gewissen Nächte, die von so viel Nervosität und Kummer geplagt sind, die das Einschlafen fast unmöglich machen. Oft hilft es mir mich mit anderen Geschichten abzulenken. Also mit Filmen oder Hörspielen. Oder ich lese. So habe ich keine Zeit mir über mich selbst Gedanken zu machen. Vor kurzem habe ich mich auch ganz auf mein Atmen konzentriert. Das war auch sehr interessant, weil das Atmen etwas ganz selbstverständliches ist, was man immer nebenher macht. Aber man kann sich auch so sehr darauf konzentrieren, dass man so beschäftigt ist und nichts anderes nebenbei mehr machen kann, z. B. Grübeln. Ich versuche auch, besonders nachts, nett zu mir zu sein und mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Einige unangenehme Gedanken zuzulassen, aber irgendwann zu sagen: Jetzt ist Schluss. Und der letzte Tipp, den ich habe, hört sich zwar etwas traurig an, funktioniert aber: Weinen macht sehr müde. Sogar das Weinen kann also etwas gutes bewirken.
Welches Buch würdest du mir empfehlen? Ich würde dir das »Sommerbuch« von Tove Jansson empfehlen. Viele wissen nicht, dass die Autorin/Illustratorin der Mumins auch andere sehr gute Bücher geschrieben hat. Das ist schade, weil dieses Buch z.B. etwas ganz besonderes ist. Die Geschichte handelt von einem jungen Mädchen, das mit ihrer Großmutter den Sommer auf einer finnischen Insel verbringt. Der Roman verbirgt eine gewisse Leichtigkeit, die jedoch mit einer inhaltlichen Tiefe und Melancholie verbunden ist. Dieses Zusammenspiel hat mich unglaublich berührt. Und von der Gelassenheit der Großmutter können sich viele eine Scheibe abschneiden. Dann fällt einem bestimmt abends das Einschlafen auch nicht so schwer.
Kommst du zwischendurch zum Träumen? Hast du auch sich wiederholende Träume? Beim Illustrieren kommt man sehr gut zum Träumen. Davon leben auch viele Zeichnungen, finde ich. Beim Zeichnen bin ich in anderen Gedanken und Geschichten, die meist wenig mit der Realität zu tun haben. Manchmal verliere ich mich jedoch etwas in Tagträumen. Ich versuche zu langes aus dem Fenster starren zu vermeiden. Das ist dann doch eher unproduktiv. Ich bewundere Menschen, die nachts gute Träume haben, oder neutrale Träume. Träume, in denen gar nicht viel passiert. Das stelle ich mir schön vor, weil man doch nachts einfach seine Ruhe haben will, ohne viel Action. Bei mir ist immer viel los. Ich träume seit über zehn Jahren von ausfallenden Zähnen in jeglichen Variationen und bin damit beschäftigt attackierende Babykatzen und Meerschweinchen von mir wegzuschleudern. Auch wenn ich träume, dass ich im Wald Blumen pflücke, spüre ich eine Anspannung und Gefahr. Ich wünschte, es würde einfach mal nichts passieren.
Würden einige der Träume sich eventuell auch als Material für ein Projekt eignen? Das Projekt »Museum des Kummers« ist ja aus einer sogenannten Traumsituation entstanden. Das war bisher aber auch das einzige Projekt. Generell halte ich es aber für möglich, dass Situationen oder Bilder, die man geträumt hat, auch Verwendung in Illustrationen finden können. Träume passieren unterbewusst, daher können auch einige kreative Bildideen und Geschichten dabei entstehen. Aber man kennt es ja, wenn man einen wahnsinnig spannenden Traum hatte und den jemandem erzählt und die Person vor lauter Langeweile fast vom Stuhl kippt. Die Träume passieren nur in einem selbst und haben ganz viel mit persönlichen Empfindungen und Ängsten zu tun. Da ist es schwer sie für Aussenstehende zugänglich und verständlich zu machen. Diese Angst hatte ich auch beim Illustrieren des Kummerheftes. Das meiste was ich träume, lasse ich auf jeden Fall lieber unillustriert. Es ist zwar schön, wenn man aus Träumen schöpfen kann, aber 99,9% meiner Ideen im Traum braucht die Welt nicht.

457

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.